Fatima Daas – Die jüngste Tochter/ The Last One

*English version below

"Je m’appelle Fatima Daas. 
Je porte le nom d’un personnage symbolique en islam.
Un nom auquel il faut rendre honneur.
Un nom que j’ai déshonoré.

Adolescente, je regarde mon père dans les yeux.
Je lui dis :
Tu es un monstre !
C’est la première fois que je pense quelque chose aussi fort.
Depuis ce jour-là il ne m’a plus adressé la parole et moi non plus."

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Fatima Daas wächst in einem Umfeld auf, in dem Liebe und Sexualität tabu sind. Als jüngste Tochter einer algerischstämmigen Familie lebt sie in der berüchtigten Pariser Banlieue Clichy-sous-Bois und verbringt täglich drei Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie fühlt sich fremd – in Paris als «Banlieusarde», bei Verwandten in Algerien aufgrund ihres schlechten Arabisch, in der Familie und Moschee wegen ihrer Sexualität.

Der mit dem Internationalen Buchpreis ausgezeichnete Roman situiert sich zwischen Frankreich und Algerien, zwischen Lycée und Moschee, und handelt von der Einsamkeit des Aufwachsens zwischen zwei Welten. Eine Einsamkeit, die sich im oben zitierten Passus manifestiert, in der emotionalen Leere und Sprachlosigkeit, die in Fatimas Familie herrscht.

In einem kunstvollen und doch zugänglichen Monolog verhandelt Fatima Daas – Pseudonym und Alter Ego der Autorin – ihre Identität als franko-algerische lesbische Muslima. Mit einer überraschenden, aber dezidierten Feinfühligkeit rebelliert sie gegen einschränkende Kategorisierungen und lotet deren Grenzen aus – zum Beispiel, wenn sie in der Moschee nach dem Verhältnis des Islams zur weiblichen Homosexualität fragt –, um diese schließlich doch zu sprengen. Sie zeigt, dass sich die Kategorien Gender, Herkunft, Sexualität und Religion nicht zwangsläufig gegenseitig ausschließen müssen. Diese Einsicht macht den Roman zu einem wichtigen Zeugnis für moderne Migrationsgesellschaften.

Obgleich die Autorin sich als intersektionale Feministin versteht und durchaus den Finger auf die vielfache Diskriminierung legt, die sie als queere Frau, Muslima und Banlieusarde erfährt, klagt der Roman niemals an, sondern zeigt sich versöhnlich. Darin liegt meines Erachtens die besondere Stärke des Texts.

Daas greift dabei auf eine Form zurück, die sich als radikal modern erweist, ohne jedoch jemals aufgesetzt zu wirken. Erzählprinzip ist das Fragment und die Formel. Anhand des fragmentarischen Erzählverfahrens gelingt es ihr, ihre innere Zerrissenheit und ihren Identitätskonflikt widerzuspiegeln. Durch die Formeln und Wiederholungen, die auf arabische Erzähltraditionen anspielen, erlangt der Text eine Lyrizität und unvergleichliche Leichtigkeit.

Die deutsche Übersetzung von Sina de Malafosse ist frisch erschienen im Classen Verlag.

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Fatima Daas – The Last One

“My name is Fatima Daas. 
I bear the name of a symbolic figure of Islam.
A name that must be honored.
A name that I have dishonored.

As a teenager, I looked my father in the eye.
I tell him, "Yes, that's right:
You are a monster!
It was the first time I thought something so violent.
From that day on, he didn't talk to me and I didn't talk to him.”

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Fatima Daas grows up in an environment where love and sexuality are taboo. The youngest daughter of a family of Algerian origin, she lives in the notorious Parisian banlieue of Clichy-sous-Bois and spends three hours a day on public transport. She feels foreign – in Paris as a “banlieusarde,” with relatives in Algeria because of her poor Arabic, in the family and mosque because of her sexuality.

The novel is situated between France and Algeria, between lycée and mosque, and deals with the loneliness of growing up between two worlds. A loneliness that manifests itself in the passage quoted above, in the emotional emptiness and speechlessness that prevails in Fatima’s family.

In an elaborate yet accessible monologue, Fatima Daas – pseudonym and alter ego of the author – negotiates her identity as a Franco-Algerian lesbian Muslim. With a surprising but determined subtlety, she rebels against restrictive categorizations and explores their limits – for example, when she asks about Islam’s relationship to female homosexuality in the mosque – only to ultimately transcend them. She shows that the categories of gender, origin, sexuality, and religion are not necessarily incompatible and exclusive. This insight makes the novel an important testimony to modern migration societies.

Although the author sees herself as an intersectional feminist and certainly puts her finger on the multiple discrimination she experiences as a queer woman, a Muslim, and a banlieusarde, the novel never accuses, but shows itself to be conciliatory. In my opinion, this is the particular strength of the text.

Daas resorts to a form that proves to be radically modern, but never seems artificial. The narrative principle is the fragment and the formula. By means of the fragmentary narration, she succeeds in reflecting her inner turmoil and her identity conflict. The formulas and repetitions, which allude to Arabic narrative traditions, give the text a lyricism and incomparable lightness.

The work has also been translated into English as The Last One by Lara Vergnaud and is due out in November 2021.

Saša Stanišić – Wie der Soldat das Grammofon repariert/ How the Soldier Repairs the Gramophone

*English version below

Der Name Stanišić ist spätestens, seit der Autor für “Herkunft” im Jahr 2019 den Deutschen Buchpreis erhalten hat, in aller Munde. Dass er den gleichen Stoff wie in seinem Erfolgsroman – die eigene Kindheit in Višegrad – bereits in seinem 2006 erschienen Debüt “Wie der Soldat das Grammofon repariert” behandelt hat, ist allerdings wenigen bewusst. Doch während in “Herkunft” der Fokus auf der Erfahrung von Flucht und Migration und auf der Frage nach Herkunft und Zugehörigkeit liegt, stehen in Letzterem die Ereignisse um die Entfesselung der Gewalt in Višegrad im Jahr 1992 im Zentrum.

Die Kriegsrealität entfaltet sich aus der Perspektive eines Kindes. Aleksandar ist im Jahr 1992 ein ganz normaler Junge mit Träumen und Hoffnungen – er spielt gerne Fußball, gewinnt einen Angelmeisterschaft und glaubt nach wie vor noch nicht an das Ende Jugoslawiens. Wie sein Großvater ist er ein glühender Verfechter der Sache Titos. Erst als er seine Pionieruniform nicht mehr tragen darf und sein Lehrer Titos Porträt im Klassenzimmer abnimmt, beginnt seine Welt zu bröckeln. Kurz darauf bricht eine Welle von Gewalt über die Stadt herein und nach kurzem Zögern schließt sich auch die Aleksandars Familie dem Exodus der überwiegend muslimischen Familien an – Aleksandars Mutter ist Bosniakin. Die wenigen Tage reichen jedoch aus, um die Gedankenwelt des bisher verträumten fantasiereichen Jungen dauerhaft mit schaurigen Bildern zu füttern – Bildern von der blutigen Drina, von dem überfüllten Keller, in dem Nachbarn und Flüchtlinge aus dem Umland Zuflucht vor den Geschossen suchen; von dem Soldaten, der sich mit der Nachbarin einschließt; von ihrem leeren, traurigen Blick.

Schon in jungen Jahren ist Aleksandar (die serbische Abkürzung seines Namens ist Saša) ein Geschichtenerzähler. Spielerisch und fantasievoll nimmt er verschiedene Einzelschicksale aus seiner Višegrader Nachbarschaft auf und verarbeitet sie erzählerisch. Das verleiht dem Roman – trotz der Schwere seines Themas – eine außergewöhnliche Leichtigkeit.

Es stellt sich die Frage nach der Erzählbarkeit von Krieg und Gewalt: Inwiefern kann Literatur diese erfassen, ohne in den trockenen Tatsachenbericht, in die Verharmlosung oder ins Pathetische abzugleiten? Welches Potenzial hat Literatur in der Auseinandersetzung mit Krieg – im Vergleich zur Historiografie oder zum Journalismus? Wie kann sich Literatur, gerade in diesem spezifischen Fall, von den Narrativen distanzieren, die übrigens auch heute noch in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens kursieren; wie kann sie diese zugleich anzitieren und dekonstruieren?

Obgleich Stanišićs Erstling inhaltlich einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung der nahen Vergangenheit auf dem Balkan leistet, möchte ich gewisse Vorbehalten nicht verhehlen. So hat sich der Autor meines Erachtens zu viel vorgenommen: Familiengeschichte, Kindheit in Višegrad, Emigration und eine etwas aufgesetzte Liebesgeschichte werden auf ein paar hundert Seiten komprimiert. Dadurch fasert der Roman zu einem überladenen, heterogenen Gebilde aus, in dem kein Ansatz konsequent verfolgt wird. Gleiches gilt für die Struktur: Briefe, Schulaufsätze und Telefonate vermischen sich ohne nachvollziehbare Logik mit der retrospektiven Ich-Erzählung. Möglicherweise ist die permanente Unterbrechung der Erzählchronologie ein Versuch, die fragmentarisch gewordeme Realität von Krieg und Emigration zu reflektieren. Vielleicht wollte sich Stanišić aber auch an modernen Erzähltechniken versuchen – restlos überzeugt bin ich jedoch nicht.

Eine Referenz bleibt in der wechselvollen Geschichte konstant: Obwohl der berühmte Višegrader Autor Ivo Andrić nur in Form einer zerstörten Statue explizit erwähnt wird, ist seine Chronik “Die Brücke über die Drina” dennoch allgegenwärtig. Ähnlich wie in Andrićs Chronik, kreisen auch die Geschichten Aleksandars mehrheitlich um die Drina und die berühmte Brücke. Die Drina, in deren Fluten zum blutigen Höhepunkt der 90er-Jahre zahlreiche Leichen gestoßen wurden, fungiert, wie bereits bei Andrić, als Spiegel des Zeitgeschehens. Zugleich schaffen beide Autoren durch den Verweis auf den Fluss Konstanten in Zeiten andauernder Umbrüche.

Anlass der Lektüre war für mich ein Roadtrip von Belgrad nach Višegrad. Dadurch war der Roman für mich besonders ergreifend: den beschriebenen Orten wichen lebendige Bilder – Bilder der bedrückend stillen Kleinstadt, der grünlich-blauen Fluten der Drina und der eindrücklichen Brücke. Stanišić bringt die Stimmung auf den Punkt, die noch heute wie ein schwerer Schleier über der Stadt liegt: es ist fast so, als könnte man spüren, dass ein Teil der Bevölkerung fehlt. Die Sprachlosigkeit in den Kafanas, die beklemmende Allgegenwart der serbischen Flagge (Višegrad gehört zur Republika Srpska), die geistige Leere auf der Brücke, die zwar Anlass für Selfies, nicht aber für Reflexionen zu geben scheint…

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Saša Stanišić – How the Soldier Repairs the Gramophone

Ever since he received the German Book Prize for “Where You Come From” in 2019, Saša Stanišić has been regarded as one of the great contemporary German-language writers. However, few are aware of the fact that he had already written about his childhood in Višegrad in his debut novel “How the Soldier Repairs the Gramophone”, which was published in 2006. But whereas in “Where You Come From” the focus lies on the experience of displacement and on the question of origin and belonging, in the latter the events surrounding the unleashing of violence in Višegrad in 1992 are at the core.

The reality of war unfolds from the perspective of a child. In the year 1992, Aleksandar is a regular boy with dreams and hopes – he likes to play soccer, wins a fishing championship, and remains reluctant to believe in the end of Yugoslavia. Like his grandfather, he is an ardent supporter of Tito’s cause. It is only when he is no longer allowed to wear his pioneer uniform and when his teacher takes down Tito’s portrait in the classroom that his world begins to crumble. Shortly thereafter, a wave of violence sweeps over the town, and after a brief hesitation, Aleksandar’s family also joins the exodus of mostly muslim families – his mother is Bosniak. Nevertheless, these few days are enough to constantly feed the mind of the previously dreamy and imaginative boy with dreadful images – images of the bloody Drina, of the overcrowded cellar in which neighbors and refugees from the surrounding countryside seek refuge from the bullets, of the soldier who locks himself in with the neighbor, of her blank and somber gaze.

Already at a young age Aleksandar (the Serbian abbreviation of his name is Saša) is a storyteller. Playfully and imaginatively, he captures various individual fates from his Višegrad neighborhood and processes them through storytelling. This gives the novel – despite the gravity of its subject – an extraordinary lightness.

The question arises as to the narrativity of war and violence: To what extent can literature capture both without veering into dry factual reporting, trivialization, or the pathetic? What potential does literature have in dealing with war – in comparison to historiography or journalism? How can literature, especially in this specific case, distance itself from the narratives that, by the way, are still circulating today in the countries of former Yugoslavia; how can it both invoke and deconstruct them?

Although Stanišić’s first book is an important contribution to coming to terms with the Balkan past, I do not want to hide certain reservations. In my opinion, the author aims for too much: family history, childhood in Višegrad, emigration, and a somewhat artificial love story are all packed into a few hundred pages. As a result, the novel flares out into an overloaded, heterogeneous structure in which no approach is consistently pursued. The same could be said about the structure: Letters, school essays, and telephone calls mix in with the retrospective first-person narrative without any comprehensible logic. It is possible that the constant disruption of the narrative chronology is an attempt to reflect the fragmented reality of war and emigration. Perhaps Stanišić also wanted to try his hand at modern narrative techniques.

One reference remains constant in the changeful narrative: although the famous Višegrad author Ivo Andrić is explicitly mentioned only in the form of a destroyed statue, his chronicle “The Bridge over the Drina” is nevertheless omnipresent. Like in Andrić’s chronicle, the majority of Aleksandar’s stories revolve around the Drina and its famous bridge. The Drina, into whose floods numerous corpses were pushed during the sanguinary climax of the 1990s, functions, similarly as in Andrić’s work, as a mirror of current events. Yet at the same time both authors provide continuity in times of constant upheaval by referencing the river.

For me, the reason for reading the novel was a road trip from Belgrade to Višegrad. This might be why I found the novel particularly moving: the described places gave way to vivid images – images of the depressingly quiet small town, the greenish-blue waters of the Drina River, and the impressive bridge. Stanišić captures the mood that even today lingers over the town. It is almost as if one could sense that a part of the population is missing. The speechlessness in the kafanas, the oppressive omnipresence of the Serbian flag (Višegrad belongs to Republika Srpska), the spiritual emptiness on the bridge, which seems to give rise to selfies, but not to reflections…

Gabriel García Márquez – Der Herbst des Patriarchen/ The Autumn of the Patriarch

**English version below**

Obgleich García Márquez mit seinem Dikatorenroman nicht an die Kraft von “Hundert Jahre Einsamkeit” herankommt, handelt es sich auf ästhetischer Ebene um sein wohl interessantestes Werk. Er entwickelt in dem Roman eine eigene, wenn nicht sogar eigensinnige Ästhetik, die sich völlig von seinen anderen Texten unterscheidet: multiperspektivisch werden Schlaglichter auf die letzten Tage des Patriarchen eines nicht genauer benannten Karibikstaates geworfen. Dabei wechseln Perspektive und Sprecher – teilweise sogar mitten im Satz – von auktorialem und kommentierendem Erzähler zu direkter Figurenrede. Auch inhaltlich eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten und die Grenzen zwischen den einzelnen Figuren verschwimmen zunehmend, was entscheidend zur Erzeugung von Humor und Ironie beiträgt.

Thematisch entwickelt sich der Text – von einer eigentlichen Handlung zu sprechen, wäre schwierig – in sechs lose verknüpften Kapiteln um Themen und Motive herum, die bereits aus García Márquez’ Gesamtwerk bekannt sind. Im Zentrum steht die Einsamkeit der Macht und des Alters, die wie in “Erinnerung an meine traurigen Huren” und “Hundert Jahre Einsamkeit” von dem zunehmenden Verfall der Umgebung, genauer: des Präsidentenpalasts, gespiegelt wird. Die Beschreibungen des Palasts allein wären meines Erachtens schon eine vertiefte literaturwissenschaftliche Untersuchung wert. Auch wenn mein Spanisch gerade bei den deskriptiven Passagen an seine Grenzen kam, bin ich der Ansicht, dass Raumtheorien eine aufschlussreiche Perspektive eröffnen würden. Klar ist, dass durch den Mikrokosmos ‘Palast’ der Makrokosmos der Gesamtgesellschaft und der maroden Institutionen des diktatorischen Regimes verhandelt wird. Aber es steckt noch viel mehr in den wundersamen, grotesk bis ins Komische und zuweilen gar ins Abstoßende verzerrten Raumbeschreibungen – was genau, habe ich noch nicht ganz erfasst und werde dafür mindestens eine zweite Lektüre benötigen.

Der Roman liest sich als eine Parabel der Geschichte Kolumbiens bzw. des gesamten Kontinents und seiner Diktaturen während des 20. Jahrhunderts. Der von García Márquez porträtierte Diktator ist eine Synthese verschiedener historischer und literarischer Diktatorenfiguren. Zeitgenössische Rezensenten glauben in ihm beispielsweise den dominikanischen Diktator Trujillo, den Kubaner Batista aber auch Franco, dessen Ableben mit dem Erscheinungsjahr des Romans (1975) zusammenfällt, wiederzuerkennen. Von einem historischen Roman kann jedoch kaum die Rede sein; dafür ist der Roman zu stark im Fantastischen des «realismo magico» verankert, dessen bekanntester Vertreter García Márquez ist. An dieser Stelle sei die Begründung des Autors für den häufigen Rückgriff auf dieses Erzählverfahren erwähnt: García Márquez zufolge entspricht der magische Realismus einer spezifischen lateinamerikanischen Realität, die in ihrer Irrationalität, Gewalt und Brutalität selbst an der Grenze zum Fantastischen steht. Auch der Begriff der Einsamkeit erfährt bei García Márquez, aber bereits auch bei Octavio Paz (“El laberinto de la soledad”, 1950), eine spezifisch lateinamerikanische Umdeutung: der Autor verbindet “soledad” mit “desolación”, der Trostlosigkeit, die er als Folgeerscheinung der Unfähigkeit des Kontinents betrachtet, vorwärtszukommen. In der Rede anlässlich der Nobelpreisverleihung (1982) verweist er außerdem auf die Unzulänglichkeit der aus Europa nach Lateinamerika importierten Regierungs- und Verwaltungssysteme und auf das allgemeine Unverständnis, das dem Kontinent vonseiten der Industrieländer entgegengebracht wird.

Während der Lektüre von “Der Herbst des Patriarchen” schwebte mir fortwährend der ebenfalls kürzlich hier besprochen Diktatorenroman Mario Vargas Llosas, “Das Fest des Ziegenbocks”, vor Augen. Dieser bekam für mich im Kontrast mit García Márquez’ Roman eine ganz neue Tiefe. Ja, ich möchte sogar die These aufstellen, wonach “Das Fest des Ziegenbocks” ein Anti-García Márquez ist, eine Antwort auf, Abgrenzung von und Korrektur des 25 Jahre früher erschienen Textes. Mario Vargas Llosa vertritt in seinem Roman über den dominikanischen Diktator Trujillo dezidiert einen kruden, unnachgiebigen Realismus, anhand dessen er die Geschichte, Politik und Gesellschaftsstrukturen der Dominikanischen Republik analytisch unter die Lupe nimmt und die Verflechtung von Macht, Korruption und Machismo offenlegt. Die detailreichen, erschütternden Beschreibungen von Folter und Gewalt scheinen mir eine klare Absage an García Márquez’ Verfahren zu sein, Diktatur und die damit verbundene Gewalt durch die poetisch-mythische Dimension des Textes zu ästhetisieren. Ich möchte jedoch abschließend nicht auf die Differenzen, sondern die Gemeinsamkeiten der beiden Romane hinweisen: Obwohl Vargas Llosa auf den Einzelfall Trujillo fokussiert, erlangt sein Roman durch die kritische Analyse der Funktionsweise von Macht und Diktatur doch überregionale Gültigkeit. Bei García Márquez hingegen scheint es mir gerade die mythische Erhöhung zu sein, die erlaubt, typische und universelle Muster von Despotismus zu abstrahieren und zu erkennen. Eine komplementäre Lektüre der beiden Romane erachte ich als empfehlenswert.

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English version: The Autumn of the Patriarch

Although García Márquez’s dictator novel does not come close to the brilliance of “One Hundred Years of Solitude,” on an aesthetic level it is probably his most interesting work. In this novel, he develops his own aesthetic, which is completely different from his other texts and from anything else I have ever read: multi-perspective spotlights are cast on the last days of the patriarch of an unspecified Caribbean state.  Perspective and narrator change – sometimes even in mid-sentence – from authorial and commenting narrator to direct character speech. In terms of content, too, completely new possibilities open up and the boundaries between the individual characters become increasingly blurred, which contributes decisively to the humor and irony of the text.

The text develops in six loosely linked chapters around topics and motifs that are already familiar from García Márquez’s oeuvre. The central theme is the loneliness of power and old age, mirrored, as in “Memory of My Sad Whores” and “One Hundred Years of Solitude,” by the increasing decay of the surroundings, more precisely: the presidential palace. The descriptions of the palace alone would, in my opinion, be worthy of in-depth literary study. Even though my Spanish came to its limits especially in the descriptive passages, I believe that spatial theories would provide an insightful perspective. It is clear that through the microcosm ‘palace’ the macrocosm of society as a whole and the corrupt institutions of the dictatorial regime are negotiated. But there is much more to the wondrous, grotesque descriptions of space, distorted into the comical and at times even the repulsive.

The novel reads as a parable of the history of Colombia, or rather of the entire continent and its dictatorships during the 20th century. The dictator portrayed by García Márquez is a synthesis of various historical and literary dictator figures. Contemporary reviewers for instance believed to recognize in him the Dominican dictator Trujillo, the Cuban Batista, but also Franco, whose death coincides with the year of the novel’s publication (1975). However, the novel can hardly be considered a historical novel; for that it draws too much on the fantastic of “realismo magico.”

Here it is worth mentioning the author’s reason for the frequent recourse to this narrative method: according to García Márquez, magical realism corresponds to a specific Latin American reality, which in its irrationality, violence and brutality itself borders on the fantastic. The concept of solitude also undergoes a specifically Latin American reinterpretation in the work of García Márquez, but also already in that of Octavio Paz (“El laberinto de la soledad,” 1950): the author links “soledad” with “desolación,” desolation, which he sees as a consequence of the continent’s inability to move forward. In his speech delivered during the Nobel Prize ceremony (1982), he also refers to the inadequacy of the governmental and administrative systems imported from Europe to Latin America and to the general lack of understanding that industrialized countries have for the continent.

While reading “The Autumn of the Patriarch,” I was constantly reminded of Mario Vargas Llosa’s dictator novel “The Feast of the Goat,” which I also recently reviewed here. In contrast with García Márquez’s novel, the latter gained a whole new dimension for me. In fact, I would even put forward the thesis that “The Feast of the Goat” is an anti-García Márquez, a response to, differentiation from, and correction of the text published 25 years earlier. Mario Vargas Llosa’s novel about the Dominican dictator Trujillo resolutely espouses a crude, unyielding realism, through which he analytically scrutinizes the history, politics, and social structures of the Dominican Republic, exposing the intertwining of power, corruption, and machismo. The richly detailed, horrifying descriptions of torture and violence seem to me to be a clear rejection of García Márquez’s process of aestheticizing and sublimating dictatorship and its violence through the poetic-mythical dimension of the text. In conclusion, however, I would like to point out not the differences but the similarities between the two novels: Although Vargas Llosa focuses on the individual case of Trujillo, his novel nevertheless attains supraregional validity through its critical analysis of the functioning of power and dictatorship. With García Márquez, on the other hand, it seems to me that it is precisely the mythic exaltation that allows us to abstract and recognize typical and universal patterns of despotism. I strongly recommend a complementary reading of the two novels.

Patrick Modiano – Die Gasse der dunklen Läden/ Missing Person

*English version below

“Drôles de gens. De ceux qui ne laissent sur leur passage qu’une buée vite dissipée. Nous nous entretenions souvent, Hutte et moi, de ces êtres dont les traces se perdent. Ils surgissent un beau jour du néant et y retournent après avoir brillé de quelques paillettes. Reines de beauté. Gigolos. Papillons. La plupart d’entre eux, même de leur vivant, n’avaient pas plus de consistance qu’une vapeur qui ne se condensera jamais.”

Modianos Universum, sein Paris (hier in der Nachkriegszeit) ist bevölkert von schemenhaften Figuren rätselhafter Identität, Schatten aus der Vergangenheit und mysteriösen Gestalten. Im Zentrum der Handlung steht, wie häufig bei Modiano, eine Suche: Der Privatdetektiv Guy Roland stellt Nachforschungen über einen Unbekannten an, der während der deutschen Besatzung verschwunden ist. In diesem Unbekannten glaubt er nach jahrelanger Amnesie einen Schlüssel zu seiner eigenen Vergangenheit gefunden zu haben. Wer war dieser junge Mann, der je nach Dokument Jimmy Pedro Stern oder Pedro McEvoy hieß? Was ist ihm widerfahren? Inwiefern hängt sein Verschwinden mit Guys eigener Amnesie zusammen? Könnte er Guy selbst sein? Und wieso sind alle möglichen Zeugen tot?

Stück für Stück setzt der Detektiv die spärlichen Informationen zusammen und rekonstruiert die Ereignisse um das Verschwinden Pedro McEvoys während des ersten Winters unter deutscher Besetzung.

Der Nobelpreisträger Modiano ist für mich einer der ganz großen Schriftsteller unserer Zeit. Seine einzigartige Ästhetik des Geisterhaften und Ephemeren geht stets einher mit einer Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – ein Kampf gegen das Vergessen und der Versuch, jenen eine Stimme zu geben, die durch das Zeitgeschehen buchstäblich an den Rand gedrängt wurden.

(auf Deutsch erhältlich im Suhrkamp Verlag, Titel: Die Gasse der dunklen Läden)

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Patrick Modiano – Missing Person

Modiano’s universe, his Paris (here in the postwar period) is populated by shady figures of enigmatic identity, shadows from the past, and mysterious characters. At the center of the plot, as is often the case with Modiano, is a quest: private detective Guy Roland makes inquiries about an unknown man who disappeared during the German occupation. In this stranger, after years of amnesia, he believes he has found a key to his own past. Who was this young man, whose name was Jimmy Pedro Stern or Pedro McEvoy, depending on the document? What happened to him? How is his disappearance related to Guy’s own amnesia? Could he be Guy himself? And why are all the possible witnesses dead?

Piece by piece, the detective assembles the scant information and reconstructs the events surrounding Pedro McEvoy’s disappearance during the first winter under German occupation.

Modiano is for me one of the great writers of our time. His unique aesthetic of the shadowy and elusive is always accompanied by an examination of the past – a struggle against forgetting and an attempt to give a voice to those who have literally been marginalized by history.

available in English (title: Missing Person) at Godine Publishers

Klaus Mann – Der Vulkan / The Volcano

*** English version below***

„‘Eine Chronik‘, versetzte Kikjou, schüchtern und stolz. ‚Die genaue Chronik unserer Verwirrungen, Leiden, auch der Hoffnungen. […] Es muss doch alles festgehalten werden! Man vergisst doch so schrecklich schnell! Sogar wenn heute wenig Interesse da sein sollte –: die Nachwelt will doch Dokumente, Rechenschaft. Sie verlangt unsere Beichte… Meine Stimme soll die Stimme meiner Brüder sein – der lebenden wie der toten–: Martin und Marcel sind verstummt, unter fremden Himmeln. Sie hätten so viel zu sagen gehabt; aber gerade den Besten verschlägt es heute die Sprache, mit Entsetzen schließen sie den Mund. Manche Ereignisse und Zustände sind von solcher Art, daß die Worte fehlen, um sie zu bezeichnen.‘“

Die ganze Bedeutsamkeit von Klaus Manns großem Exilroman entfaltet sich in dieser Schlusspassage. Nach dem Abzug der Internationalen Brigade aus Spanien entscheidet sich Kikjou, einer der Protagonisten des breit angelegten Exilpanoptikums, seinen Kampf gegen den Faschismus schriftstellerisch weiterzuführen. Damit öffnet das Erzähldispositiv eine Meta-Ebene, die Einblicke in die ästhetischen und inhaltlichen Erwägungen des Exilschriftstellers selbst gewährt. „Der Vulkan“ ist im Grunde genommen der „Roman der Heimatlosen“, den Kikjou zu schreiben gelobt: Der Versuch einer Dokumentation und Analyse der deutschen Emigration 1933–1938. Der 1939 im Exilverlag Querido erschienene Roman beschreibt den harten Alltag verschiedener Intellektueller, die aus Nazi-Deutschland geflohen sind. Ihre Geschichten sind lose miteinander verwoben und verbinden die Exilzentren Zürich, Paris, Prag, Amsterdam sowie die USA.

Dafür greift Klaus Mann auf seine eigene Exilerfahrung zurück und schafft ein literarisches Zeugnis von einzigartiger Authentizität und Eindringlichkeit. „Es ist eben kein beobachtetes Buch […], sondern ein erlittenes. Man spürt das“, erkannte Stefan Zweig. Wie nur wenigen anderen Exilautor*innen gelingt es Klaus Mann, die Verzweiflung der Entwurzelten zum Ausdruck zu bringen. In der psychologisch feinsinnigen Analyse des menschlichen Verhaltens im Angesicht der Extremerfahrung des Exils liegt die große Stärke des Romans.

Zweifelsohne ist der Text für seine dokumentarische Zeitzeugenschaft in die Literaturgeschichte eingegangen, weniger hingegen für seinen ästhetischen Wert. Die stilkonservative Haltung ist ein verbreitetes Merkmal der deutschen Exilliteratur: Im Vordergrund stand die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Fragen, wohingegen die Experimentierfreudigkeit und die avantgardistischen Schreibweisen der Weimarer Republik nicht weitergeführt wurden. Auch Manns Roman mutet mit dem auktorialen Erzähler, der kommentierend und wertend in die Erzählung eingreift, altmodisch an. Der Ton droht nicht selten ins Pathetische und Kitschige zu kippen.

Eine gewisse Modernität kann man dem Text trotzdem nicht absprechen: In der Offenheit, mit der Mann Homosexualität und Drogenkonsum thematisiert, ist der Autor seiner Zeit voraus. Innerhalb der Exilgemeinde erregte er damit Anstoß. Seine Protagonisten sind nicht die moralisch unfehlbaren, vorbildhaften Repräsentanten des „anderen Deutschlands“, sondern verzweifelte und entmutigte Gestalten.

Bemerkenswert ist zudem Manns Einfühlungsvermögen in die Situation und die inneren Konflikte derer, die sich entschieden hatten, in Deutschland zu bleiben. Auf diese Weise schafft er eine Verständigungsbasis zwischen der Inneren und der Äußeren Emigration. Dass dies alles andere als selbstverständlich war, zeigt die nach dem Krieg entfachte Debatte zwischen Frank Thiess und Thomas Mann.

Trotz einiger ästhetischer Vorbehalte handelt es sich bei „Der Vulkan“ um eine empfehlenswerte Lektüre, die tiefere Einblicke in die Realität der deutschen Emigration gewährt.

Erhältlich im Rowohlt-Taschenbuchverlag.

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Klaus Mann – The Volcano

“’A chronicle,’ sighed Kikjou, shyly and proudly. ‘The exact chronicle of our turmoil, suffering, even hopes. […] Everything must be recorded! One forgets so terribly fast! Even if today few are interested -: the posterity wants documents, accountability. They demand our confession… My voice shall be the voice of my brothers – the living as well as the dead -: Martin and Marcel have gone silent, under foreign skies. They would have had so much to say; but it is precisely the best who are speechless today, who shut their mouths in horror. Some events and conditions are of such a nature that there are no words to describe them.’”

The whole relevance of Klaus Mann’s exile novel unfolds in this final passage. After the withdrawal of the International Brigade from Spain, Kikjou, one of the protagonists of the exile panopticon, decides to continue his struggle against fascism as a writer. In this way, the narrative dispositive opens up a meta-level that provides insights into the aesthetic and thematic considerations of the writer himself. “The Volcano” is essentially the “novel of the displaced” that Kikjou vows to write: an attempt to document and analyze the German emigration of 1933-1938. Published in 1939 by the exile publisher Querido, the novel describes the hardships of everyday life for various intellectuals who have fled Nazi Germany. Their stories are loosely intertwined and connect the exile centers Zurich, Paris, Prague, Amsterdam, and the United States.

To do so, Klaus Mann draws on his own exile experience and creates a literary testimony of unique authenticity and urgency. “It is not a work of observation […], but a book of suffering. You can feel that,” Stefan Zweig acknowledged. Like very few other exiled authors, Klaus Mann succeeds in expressing the despair of the displaced. The novel’s great strength lies in its psychologically subtle analysis of human behavior in the face of the experience of exile.

The text has doubtlessly entered literary history for its documentary testimony of the time, but less so for its aesthetic value. Its stylistic conservatism is a widespread feature of German exile literature: dealing with socio-political issues was the main concern. The experimentational and expressionist tendencies of the Weimar Republic, on the other hand, were not continued. Likewise, Mann’s novel seems somewhat old-fashioned, with its auctorial narrator intervening in the narrative with comments and evaluations. Often, the tone tends to veer into the pathetic and kitschy.

Nevertheless, one cannot deny a certain modernity: The author is ahead of his time in the openness with which he addresses homosexuality and drug use. Among the exile community, he provoked controversy. His protagonists are not the morally infallible, exemplary representatives of the ‘Other Germany,’ but desperate and discouraged individuals.

Another interesting aspect is Mann’s sympathy for the situation and inner conflicts of those who had decided to stay in Germany. In this way, he creates a basis of understanding between the ‘Inner’ and ‘Outer Emigration’. This should not be taken for granted, as the debate between Frank Thiess and Thomas Mann after the war, was to show.

Despite some aesthetic reservations, “The Volcano” is a recommendable read that provides deeper insights into the reality of German emigration.

Mario Vargas Llosa – Das Fest des Ziegenbocks/ The Feast of the Goat

***English version below***

“Das Fest des Ziegebocks” (spanisch: La fiesta del chivo, 2000) ist neben bekannten Titeln wie “Die Stadt und die Hunde” (La Ciudad y los Perros) und “Das grüne Haus” (La Casa Verde) einer der eindrücklichsten Romane des peruanischen Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. In einer einzigartigen Mischung aus Politthriller und Diktatorenroman zeichnet Vargas Llosa die letzten Tage des dominikanischen Diktators Rafael Leonidas Trujillo nach, der 1961 nach 30 Jahren Diktatur ermordet wurde. Wie in seinen anderen Romanen zögert Vargas Llosa nicht, Zeitebenen und Perspektiven zu vervielfachen und schafft so ein kaleidoskopisches Porträt einer auf Gewalt und Unterdrückung basierenden Diktatur, einschließlich ihrer psychologischen und gesellschaftlichen Langzeitfolgen: Als Leser erhält man abwechselnd Einblicke in die Vorbereitung und Durchführung des Attentats durch die Verschwörer, in die Psyche des alternden Diktators, dessen Tage gezählt sind, und in die Erinnerungen von Urania Cabral, die als Vierzehnjährige nach einem schrecklichen Ereignis die Insel verließ und nun zum ersten Mal nach gut vierzig Jahren an den Ort ihrer Kindheit zurückkehrt.

Der Roman gewährt detaillierte Einsichten in die abgründigen, sadistischen Folterpraktiken des Regimes und legt die Verschränkung von Macht, Korruption und Machismo offen. Vor dem Hintergrund der zahlreichen Diktaturen des Kontinents erlangt der Roman damit überregionale Gültigkeit und zeitlose Dringlichkeit.

Vargas Llosa ist ein wahrer Wortkünstler, einer der ganz großen Erzähler unserer Zeit. Sein Hang zur öffentlichen Selbstinszenierung mag zwar bisweilen für Stirnrunzeln sorgen und von seinen zahlreichen Romanen sind durchaus nicht alle eines Nobelpreisträgers würdig. Allerdings enthalten sie eine scharfsinnige Analyse der Gesellschaft, Politik und Geschichte der Heimat des Autors oder wie im hier besprochenen Roman der Dominikanischen Republik.

“La fiesta del chivo” – der Titel bezieht sich auf eine dominikanische Merengue und auf den Spitznamen des Diktators – ist eines dieser Bücher, das man nicht mehr zur Seite legen kann. Diese Reise in die Abgründe der dominikanischen Vergangenheit ist sehr zu empfehlen!

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English version: The Feast of the Goat

“The Feast of the Goat” (Spanish: La fiesta del chivo, 2000) is one of the most impressive novels by Peruvian Nobel Prize winner Mario Vargas Llosa, along with his older titles such as “The City and the Dogs” (La Ciudad y los Perros) and “The Green House” (La Casa Verde). In a unique blend of political thriller and dictator novel, Vargas Llosa traces the last days of Dominican dictator Rafael Leonidas Trujillo, who was assassinated in 1961 after 30 years of dictatorship. As in his other novels, Vargas Llosa does not hesitate to multiply time levels and perspectives, creating a kaleidoscopic portrait of a dictatorship based on violence and oppression, including its long-term psychological and social consequences: As a reader, one gains alternating insights into the preparation and execution of the assassination by the conspirators, into the psyche of the aging dictator whose days are numbered, and into the memories of Urania Cabral, who left the island as a fourteen-year-old after a terrible event and now returns to the place of her childhood for the first time in a good forty years.

The novel provides detailed insights into the regime’s sadistic, abysmal torture practices and exposes the intertwining of power, corruption, and machismo. Against the backdrop of the continent’s numerous dictatorships, the novel thus acquires transregional validity and urgency.

Vargas Llosa is a true word artist, one of the great storytellers of our time. His penchant for public self-staging may at times arouse a frown, and not all of his numerous novels are worthy of a Nobel Prize winner. However, they do contain an incisive analysis of the society, politics and history of the author’s homeland or, as in the case of the novel discussed here, the Dominican Republic.

“La fiesta del chivo” – the title refers to a Dominican merengue and to the dictator’s nickname – is one of those books you can’t put aside. This journey into the abysses of the Dominican past is highly recommended.

Miljenko Jergović – Ruth Tannenbaum

***English version below***

„Ruth übte, möglichst gut und überzeugend zu fallen, sagte trotz aufgeschlagenen Knien und Ellbogen wieder und wieder ihren Satz auf, und dabei entging ihr, dass keiner mehr aus dem Fenster in den Hof schaute, alle Rollläden heruntergelassen und sämtliche Eingänge verriegelt waren. Zwei Bewaffnete warteten, an den Mercedes gelehnt, dass Ruth sie bemerkte.“

Mit diesen Worten endet die tragische Geschichte des jüdisch-kroatischen Kinderstars Ruth Tannenbaum um das Jahr 1941. Eine Tragödie im klassischen Sinne des Wortes, insofern die Verhaftung des Mädchens, auf die vermutlich der Tod in einem Lager der Hitler-nahen Ustascha-Regierung folgt, hätte verhindert werden können. Der weitsichtige Großvater drängt bereits kurz nach der Machtergreifung Hitlers in Deutschland zur Überfahrt nach Amerika. Sein Schwiegersohn, ein neurotischer und antipathischer Notar, verschmäht das ihm dargebotene Geld jedoch, wohl aus Hochmut und Bequemlichkeit – ein klassischer Fall von Hybris. Selbst als die Anzeichen der heraufziehenden Gefahr immer offensichtlicher werden und die Neuigkeiten von der Deportation und Ermordung der Juden in Deutschland kaum noch ignoriert werden können, hält Moni Tannenbaum an der Illusion fest, Deutschland sei denkbar weit entfernt und der Familie der ‚Shirley Temple Kroatiens‘ werde man schon kein Haar krümmen – ob Jüdin oder nicht. Parallel zum Aufstieg Hitlers in Deutschland hatte das verzogene, aber scheinbar talentierte Wunderkind nämlich die Bühnen Kroatiens erobert und die Eltern damit vorübergehend aus ihrer Unsichtbarkeit gerissen – einer Unsichtbarkeit die, so wird es deutlich, vor allem dem latenten Antisemitismus ihrer Umgebung geschuldet war.

Der Zagreber Schriftsteller Jergović zeichnet in seinem Roman aus der Perspektive der Familie Tannenbaum und deren katholischen Nachbarn exemplarisch die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche in der Zeit zwischen dem Zerfall der Habsburger Monarchie und der Gründung des nationalistischen Ustascha-Staats nach. Auffallend an der Geschichte Ruth Tannenbaums, die u.a. stark aus der jüdischen Erzähltradition schöpft, ist die Sympathielenkung des Lesers: Jegliches Identifikationsangebot erweist sich als trügerisch, denn alle Figuren entpuppen sich als antipathisch, egoistisch und teilweise gar sadistisch und boshaft. An ihnen veranschaulicht Jergović die Entmenschlichung der Gesellschaft während einer kriminellen Epoche.

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Miljenko Jergović – Ruth Tannenbaum (English version)

“Ruth practiced falling as well and as convincingly as possible, reciting her line over and over again in spite of banged-up knees and elbows, and in doing so she failed to notice that no one was looking out the window into the courtyard, all the shutters were down, and all the entrances were locked. Two gunmen were waiting, leaning against the Mercedes, for Ruth to notice them.”

These words conclude the tragic story of the Jewish-Croatian child star Ruth Tannenbaum around the year 1941. A tragedy in the classical sense of the word, insofar as the girl’s arrest, presumably followed by her death in a camp of the pro-Hitler Ustasha government, could have been averted. The girl’s farsighted grandfather urges the family’s departure for America already shortly after Hitler’s seizure of power in Germany. His son-in-law, a neurotic and antipathetic notary, however, disdains the money offered to him, presumably out of arrogance and convenience – a classic case of hybris. Even as the signs of the approaching danger become more obvious and news of the deportation and murder of Jews in Germany can hardly be ignored, Moni Tannenbaum pursues the illusion that Germany is quite far away and that the family of the ”Shirley Temple Croatia” will not be harmed – be they Jewish or not. Parallel to Hitler’s rise in Germany, the spoiled but seemingly talented child prodigy had conquered the stages of Croatia in plays of rather questionable quality and had thus temporarily plucked her parents out of their invisibility – an invisibility that, it becomes clear, was mainly due to the latent anti-Semitism of their environment.

In his novel, Zagreb writer Jergović exemplarily traces the social and political upheavals in the period between the collapse of the Habsburg monarchy and the founding of the nationalist Ustasha state from the perspective of the Tannenbaum family and their Catholic neighbors. One striking feature of Ruth Tannenbaum’s story, which draws heavily from Jewish narrative traditions, is the reader’s sympathy-steering: in fact, any offer of identification proves deceptive, for all the characters are portrayed as antipathetic, selfish, and in some cases even sadistic and malicious. Jergović uses them to illustrate the dehumanization and ideological blindness prevailing during a criminal era.

John Steinbeck: Früchte des Zorns/ The Grapes of Wrath

***English version below***

In Früchte des Zorns, heute auch als zeitloser Amerika-Roman und meistgelesene Schullektüre Amerikas bekannt, beschreibt John Steinbeck die schockierenden Zeitumstände der 1930er-Jahre in Kalifornien. Die extreme Dürre und die Enteignung der traditionellen Kleinfarmer im Midwest durch Großbanken setzten eine Migrationswelle von bisher nicht gekanntem Ausmaß in Gang. Ein gewaltiger Menschenstrom zieht nach Westen in der Hoffnung, auf den Feldern Kaliforniens Arbeit zu finden. Dort erwartet sie jedoch nicht die gut bezahlte Arbeit, die sie sich erträumt hatten. Der Traum nach wenigen Monaten Feldarbeit, sich ein kleines Häuschen und ein Stück Land zu kaufen, löst sich für die meisten auf brutalste Art und Weise in Luft auf. Das Leben in Kalifornien wird für die sogenannten “Okies” zu einem Kampf ums nackte Überleben: Die Konkurrenz um die wenigen Jobs ist hoch, die Ausbeuterlöhne viel zu niedrig, um die Familie zu ernähren. Immer wieder werden Migrantenlager von xenophoben Einheimischen und korrupten Behörden in Brand gesteckt und die Menschen gewaltsam vertrieben.

Steinbecks Epos über den ernüchternden trip west der Familie Joad ist von zeitloser Gültigkeit. Abgehandelt wird darin der Mythos des american dream, der in all seiner Problematik als pervertiertes, sozialdarwinistisches Prinzip entlarvt wird. Damit legt Steinbeck eine wichtige Grundlage für eine kritische Beleuchtung des amerikanischen Selbstverständnisses, wie sie beispielsweise auch in den Texten Faulkners, Lewis’ und Dos Passos’ zu finden ist.

Die Stärke des Romans liegt in der Beschreibung der kleinen Gesten von Solidarität und Nächstenliebe innerhalb der schlimmsten Zustände von Entmenschlichung und Verzweiflung.

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English version: The Grapes of Wrath (1939)

In Grapes of Wrath, which has become a timeless American novel and one of the most widely read school novels in America, John Steinbeck describes the shocking circumstances of the 1930s in California. Extreme drought and the dispossession of traditional small farmers in the Midwest by big banks set in motion a wave of migration on an unprecedented scale. A huge flow of people moved west in the hope of finding work in the fields of California. There, however, the well-paid work they had dreamed of did not await them. The dream of buying a small house and a piece of land after a few months of field work dissolves into thin air in the most brutal way. Life in California becomes a struggle for bare survival for the so-called “Okies”: The competition for the scarce jobs is high, the exploitative wages far too low to feed the family. Repeatedly, migrant camps are set on fire by xenophobic locals and corrupt authorities, forcibly evicting the people.

Steinbeck’s epic about the Joad family’s sobering trip west is of timeless validity. It deals with the myth of the american dream, which in all its problematic aspects is exposed as a perverted, social Darwinist principle. Thereby Steinbeck lays an important foundation for a critical illumination of the American self-conception, as can also be found, for example, in the texts of Faulkner, Lewis and Dos Passos.

The novel’s strength lies in its description of the small gestures of solidarity and charity within the worst states of dehumanization and despair.

Gabriel García Marquéz: Cien años de soledad/ One Hundred Years of Solitude

***Englisch version below***

Muchos años después, frente al pelotón de fusilamiento, el coronel Aureliano Buendía había de recordar aquella tarde remota en que su padre lo llevó a conocer el hielo. Macondo era entonces una aldea de 20 casas de barro y cañabrava construidas a la orilla de un río de aguas diáfanas que se precipitaban por un lecho de piedras pulidas, blancas y enormes como huevos prehistóricos. El mundo era tan reciente, que muchas cosas carecían de nombre, y para mencionarlas había que señalarlas con el dedo.

Diese Worte wirken wie Magie auf mich. Jedes Mal, wenn ich Hundert Jahre Einsamkeit aufschlage (was häufig vorkommt), entfalten sie ihre Wirkung: fast kann ich sie spüren, die tropische Hitze, die im Landesinneren nahe der Karibikküste Kolumbiens herrscht; die Stille und die Farben der Buschlandschaft, die in der Region zwischen den Sümpfen Santa Martas und dem Rio Magdalena überhandnimmt. Fast sehe ich sie vor mir, die sechs Generationen der Familie Buendía, um die sich der Roman dreht: der alte Buendía, Gründungsvater Macondos, der sein Lebensende unter dem großen Baum im Patio des Hauses verbringt, seine Frau Úrsula, wohl die stärkste Frau der neueren Literatur, die schöne Meme, die eines Tages in den Himmel aufsteigt, José Arcadio, der mit den Gitanos fortzieht, …

Aber eines ist sicher: nie verfehlt es dieses Incipit, das bittersüße Gefühl von Melancholie in mir zu wecken, das über dem Text hängt wie eine tiefe, schwere Wolke. Der Schwermut der Buendías, der alle Lebenslust, Abenteuer und Leidenschaften überlagert – ihre Einsamkeit.

Wie García Marquéz selbst anlässlich der Entgegennahme des Nobelpreises sagte, handelt es sich bei soledad um eine zutiefst lateinamerikanische conditio, die weit über unser Verständnis des Wortes „Einsamkeit“ hinausgeht. Diese soledad fußt in der kollektiven Erinnerung an Kolonialherrschaft, Kriege und Militärdiktaturen, die den lateinamerikanischen Kontinent in den letzten Jahrhunderten prägten (vgl. auch: Octavio Paz, El Laberinto de la soledad). Mit dem fiktiven Pueblo Macondo entwirft García Marquéz trotz aller fantastischen Elemente, aller extravaganten und turbulenten Geschichten und Mysterien, keine utopische Gegenwelt, sondern einen Ort, an dem diese soledad in all ihren Konsequenzen durchdekliniert wird. Macondo wird zu einem Mikrokosmos Kolumbiens, in dem zentrale historische, politische und kulturelle Begebenheiten aufgegriffen und im Modus des magischen Realismus sublimiert und distanziert, aber dennoch kritisch verarbeitet werden.

Hundert Jahre Einsamkeit ist eines der ganz großen Werke der Weltliteratur und ein Roman, der mich bereits in jungen Jahren derart verzaubert hat, dass ich auf eigene Faust spanisch lernte und später einige Monate in Kolumbien verbrachte. Nicht weniger als sechs Mal habe ich die fantastische Geschichte der Buendías bereits gelesen, weiß aber, dass sie auch beim zehnten Mal noch ihre Wirkung auf mich entfalten wird.

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English version:

Gabriel García Marquéz: One Hundred Years of Solitude

Many years later, as he faced the firing squad, Colonel Aureliano Buendía was to remember that distant afternoon when his father took him to discover ice. At that time Macondo was a village of twenty adobe houses, built on the bank of a river of clear water that ran along a bed of polished stones, which were white and enormous, like prehistoric eggs. The world was so recent that many things lacked names, and in order to indicate them it was necessary to point.

These words work like magic on me. Every time I open One Hundred Years of Solitude ( which happens quite frequently) they unfold their power: I can almost feel the tropical heat that reigns in the hinterland of the Caribbean coast; the silence and the colors of the scrubland that abounds in the region between the marshes of Santa Marta and the Rio Magdalena. I can almost see them in front of me, the six generations of the Buendía family around whom the novel revolves: the old Buendía, founding father of Macondo, under the big tree in the patio of the house, his wife Úrsula, probably the strongest woman in modern literature, beautiful Meme, who one day ascends to heaven, José Arcadio, who leaves with the Gitanos….

But one thing is certain: never does this incipit fail to awaken in me the bittersweet feeling of melancholy that lingers over the text like a deep, heavy cloud. The somberness of the Buendías that overlays all their joys, passions and adventures: their solitude.

As García Marquéz himself stated upon receiving the Nobel Prize, soledad is a profoundly Latin American conditio that goes far beyond our understanding of the word “loneliness.” Soledad is based on the collective memory of colonial rule, wars and military dictatorships that have shaped the Latin American continent in recent centuries (see also: Octavio Paz, The Labyrinth of Solitude). By means of the fictional pueblo Macondo, García Marquéz, despite all the fantastic elements, all the extravagant and turbulent stories and mysteries, does not create a utopian counter-world, but a place where this very soledad is explored in all its consequences. Macondo becomes a microcosm in which central historical, political and cultural aspects of Colombia are explored and sublimated in the mode of magical realism in a distanced, but nevertheless critical way.

One Hundred Years of Solitude is one of the truly great works of world literature and a novel that enchanted me so much at a young age that I learned Spanish on my own and ended up staying in Colombia for a couple of months. No less than six times I have already read the fantastic story of the Buendías, but I know that even the tenth time it will still unfold its effect on me.

Kamel Daoud – Der Fall Meursault / The Meursault Investigation

*English version below*

Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud setzt an einer semantischen Leerstelle von Camus‘ opus magnum L‘Étrangeran, die sich im Kontext der postcolonial studies als unbefriedigend, gar problematisch erweist: Wer ist der „Araber“, den Camus‘ Protagonist am Strand von Algiers erschießt? In einer tiefergreifenden literarischen – um nicht sogar zu sagen: literaturwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Camus schreibt Daoud den Roman fort. Indem Daoud dem „Araber“ einen Namen und eine Vergangenheit und somit eine Identität jenseits ethnischer Zugehörigkeit verleiht, füllt er diese seinen eigenen Angaben zufolge in Algerien häufig als Kränkung wahrgenommene Leerstelle.

Der Roman, erzählt in Form eines fiktiven Dialogs zwischen dem Bruder des Ermordeten und einem Literaturwissenschaftler, entpuppt sich als eine regelrechte Neuverhandlung der Rolle von Sprache und der Macht der Worte im postkolonialen Algerien. Die Rekonstruktion der Identität des „Arabers“ liest sich somit allegorisch für den Versuch, die sprachlichen und inhaltlichen Möglichkeiten einer spezifisch algerischen oder maghrebinischen Literatur neu abzustecken. Daoud, der auf Französisch schreibt, lässt sich in die Literatur der ‚Francophonie‘ einordnen. Während Frantz Fanon Sprache im Kontext des Kolonialismus als Machtinstrument betrachtet, schöpft Daoud die Möglichkeiten der Fremdsprache aus. Im vollen Bewusstsein der durch den Kolonialismus auferlegten Last der Sprache zeigt er, ähnlich wie Aimé Césaire in Bezug auf die Antillen, inwiefern die Kolonialsprache in Verbindung mit der eigenen Kultur, Idiomatik und den Traditionen kreativ angeeignet und bereichert werden kann. Das Ergebnis ist ein Text einer einzigartigen Poesie und Eindringlichkeit:

„Le meurtrier est devenu célèbre et son histoire est trop bien écrite pour que j’aie dans l’idée de l’imiter. C’était sa langue à lui. C’est pourquoi je vais faire ce qu’on a fait dans ce pays apès son indépendance: prendre une à une les pierres des anciennes maisons des colons et en faire une maison à moi, une langue à moi. Les mots du meurtrier et ses expressions sont mon bien vacant. Le pays est d’ailleurs jonché de mots qui n’appartiennent plus à personne et qu’on aperçoit sur les devantures des vieux magasins, dans les livres jaunis, sur des visages, ou transformés par l’étrange créole que fabrique la décolonisation.“

(Auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erhältlich)

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Kamel Daoud – The Meursault Investigation

Algerian writer Kamel Daoud addresses a semantic void in Camus’ “The Stranger”, which proves unsatisfactory, even problematic, in the context of postcolonial studies: Who is the “Arab” whom Camus’ protagonist shoots on the beach of Algiers? In a more profound literary – not to say scholarly – examination of Camus, Daoud takes the novel further. By giving the “Arab” a name and a past, and thus an identity beyond ethnicity, Daoud fills this void, which he says is often perceived as an affront in Algeria. The novel, narrated in the manner of a fictional dialogue between the victim’s brother and a literary scholar, turns out to be a veritable renegotiation of the role of language and the power of words in postcolonial Algeria. The reconstruction of the identity of the “Arab” thus reads allegorically for the attempt to redefine the linguistic and textual possibilities of a specifically Algerian or Maghrebi literature. Daoud, who writes in French, can be placed within the literature of ‘Francophonie’. While Frantz Fanon sees language as an instrument of power in the context of colonialism, Daoud exploits the possibilities of the foreign language. Fully aware of the burden of language imposed by colonialism, he shows, much as Aimé Césaire did in relation to the Antilles, the extent to which the colonial language can be creatively appropriated and enriched in conjunction with one’s own culture, idiom, and traditions. The result is a text of a unique poetry and poignancy:

“The murderer became famous and his story is too well written for me to consider imitating him. It was his own language. That is why I am going to do what was done in this country after its independence: take one by one the stones of the old colonists’ houses and use them to build my own house, my own language. The words of the murderer and his expressions are my vacant property. The country is littered with words that no longer belong to anyone and that can be seen on old storefronts, in yellowed books, on faces, or transformed by the strange Creole that decolonization produces.”